Spaziergängerin am Bassin in der Karlsaue
Die Postkarte "Karlsaue, Bassin" mit dem Bildmotiv
"Spaziergängerin am Aue-Bassin"
fordert zu einer detektivischen Betrachtung heraus.
Zum ersten, der historische Kontext, um 1900 ist es eher unüblich, dass Frauen allein spazieren gehen. Auf dem Foto schaut eine gut gekleidete Dame auf eine Gruppe von zehn Schwänen. Hut und Sonnenschirm, helle Bluse mit Halstuch und der weit fallende lange Rock erlauben die Zuordnung zur Mittelschicht. Unklar ist, ob sie die Schwäne nur betrachtet oder so nahe am Ufer steht, weil sie die Tiere gefüttert hat. Zwei sind dicht an das Ufer geschwommen. Die Dame steht allein am Bassin-Rand. Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen.
Hält sie sich ohne Begleitung in der Karlsaue auf und der Fotograf hat sie beobachtet und den richtigen Moment für ein beschauliches Foto abgepasst? Er hat darauf geachtet, dass ihr Gesicht von uns abgewandt auf das Foto kommt. Die Dame ist als Typus abgebildet.
Ein Foto-Scan in hoher Auflösung, also vergrößert, lässt an den Umrissen ihrer Silhouette Ränder erkennen, es kann also sein, dass das Foto eingefügt wurde. Die Dame steht also nicht am Bassin, sondern ist in das Geschehen einmontiert worden. Solche Montagen sind um 1900 ein beliebtes Verfahren. So lassen sich Postkarten mit Bildmotiven herstellen, die Käuferschichten in der Breite oder aus einer anvisierten Gruppe ansprechen.
Zum zweiten, es gibt Hinweise oder sind zumindest Vermutungen nachvollziehbar, dass die Postkarte nicht zufällig ausgewählt wurde.
Passt nicht der Text am Rand etwas zu dieser Auslegung und Bewertung? Haben Käuferin oder Käufer das Bildmotiv absichtlich ausgewählt?
Das zu vermuten lässt sich begründen, denn drei der vier Karten aus der Serie sind an einen Herrn Flurring in Berlin LW 46, Schönebergerstraße 23 adressiert, nur auf der Karte "Regierung vom Marställerplatz" steht dieser Name unten auf der Bildseite und die postalische Seite zeigt die Adresse Berlin N. W. 23, Klopstockstraße 39 II.. Abgestempelt ist die Briefmarke darauf am 10.6.00 in Cassel. Der Stempel für die Zustellung (Bestellt...) fehlt, der Aufdruck Postkarte in der Mitte oben ist durchgestrichen, darüber steht handschriftlich vermerkt "Drucksache".
Ist diese Postkarte überhaupt gelaufen, ist es ein Gefälligkeitsstempel?
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Karte "Karlsaue, Bassin".
Schauen wir uns den Text auf dem für Mitteilungen vorgesehenen freien rechten Rand der Bildseite an. Ungewöhnlich ist die Platzierung der Unterschrift "Hrzl. Gruß D. Drohn". Diese ist zwischen Ort, Datum und der Mitteilung eingefügt und in größeren Buchstaben geschrieben.
CASSEL - 15/9.00 - Hzl. Gruß - D D?ron? - Bitte mein Still ? sch ? - zu ent. - schuldigen, -
wenig Zeit!
Der Text auf der postalischen Seite weist einen Herrn F. Flurring in Berlin L
(?)
W, Schönebergerstr. 23 als Adressaten aus. Abgestempelt ist die Karte in Cassel mit Datum im Steg vom 13.9.00. Zugestellt wurde die Sendung vier Tage später: Bestellt vom Postamte 46 am 17/9. 00 um 10 V., also um zehn Uhr Vormittags.
Berlin LW steht für Berlin Lankwitz, die 46 für den Postbezirk.
Das Postkartenstück ist ein
Kuriosum: Sie ist am 13.09.00 abgestempelt, sie wird allerdings erst am 17.09.00 zugestellt, wie der "Bestellt" Stempel am Rand links nachweist. In der Textspalte auf der Bildseite ist ein drittes Datum angegeben, neben Cassel steht handschriftlich vermerkt 15/9.00. Über die Bedeutung des Kurztextes auf der Bildseite lässt sich nur spekulieren. Im Kontext der Postgeschichte zu beachten ist, dass um 1900 Postkarten als effektives, preisgünstiges Kommunikationsmittel für Mitteilungen verwendet werden konnten. Auch deshalb waren sie so beliebt, dass jährlich 500 Millionen Karten gekauft, beschrieben, versendet und zugestellt wurden.
Meine Sammlung enthält zahlreiche Postkarten, die sogar eine Verabredung an einem Tag nachweisen. Morgens, mit Termin und Ort für ein Treffen in der Mitteilung versehen, wird die Postkarte an einer Abgabestelle eingeworfen und die Antwort erreicht den Absender am späten Nachmittag. Solche Verabredungen an einem Tag belegen zahlreiche Postkarten für die Kommunikation in einer Stadt, einige Exemplare weisen das sogar für z. B. die Postverbindung Kassel - Berlin nach.
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