Fotokunst auf Postkarten

Überraschende Einsichten? Es sind doch "nur" Postkarten!
Die genaue Betrachtung der Abbildungsseite von vier Postkarten aus einer Serie bringt uns Fotokunst aus der Zeit um 1900 nahe. Es geht um die Gestaltung der Fotos und die Platzierung der Personen darauf.
Es sind arrangierte Moment-Aufnahmen. Zugleich, in solchen Bildern auf Postkarten steckt Geschichte. Es sind Zeit-Zeugnisse, weil sie Einblicke in das Denken, Empfinden und Wertschätzen von Personen einer bestimmten Dekade geben.

Die
Fotografen sind Künstler, sie wählen Ort und Blickwinkel sowie die Perspektive,  arrangieren Szenen oder passen den entscheidenden Moment ab, haben das Licht und die Anordnung von Menschen, Gebäuden, Flächen im Blick.
Die Vorlieben und Wünsche von
Käufern und Postkarten-Schreibern müssen sie antizipieren, wenn sie ihre Fotos verkaufen wollen, ebenso die Erwartungen der Adressaten von Postsendungen.

Einfluss nehmen die
Kunstanstalten und Verlage, die bereits im frühen 19. Jahrhundert den Grafik-Markt kontrollieren. Stiche werden in hoher Auflage gedruckt und Besuchern und Sammlern angeboten. Das in Mode gekommene Reisen ist zwar nur für wohlhabende Bürgersleute umsetzbar, aber die Sehnsucht nach fernen Ländern und das Interesse an Berichten und Erzählungen in der Bevölkerung will bedient sein. Zahlreiche neue Journale bereiten den Lesestoff kundenorientiert auf, reichern die Blätter mit Bildern an. Die Stahlstiche und neuartige Holzstich-Verfahren sind auf Durchverfahren ausgerichtet, die eine hohe und damit kostengünstige Auflage ermöglichen. Ein lukrativer Markt für Souvenir-Artikel  ist entstanden. Bild-Reporter unternehmen Reisen, um vor Ort Grafiken anzufertigen. Diese sind sehr fein konturiert und geben das Gesehene sehr realistisch wieder

Die frühen Bild-Motive auf Postkarten (ab 1880) sind Lithografien und Stahlstiche. Die Fototechnik (Fotografie und Reproduktion) lässt Ende des Jahrhunderts den fein aufgelösten Druck dieser Bilder zu. Das Rasterverfahren erlaubt hohe Auflagen und niedrige Preise.  Der große, lukrative Postkarten-Markt beeinflusst die Motivauswahl und die Bildgestaltung.

Die abgebildeten, die "erfassten" Personen, ist das hier auf den vier Postkarten eine Zufalls-Auswahl? Eher nicht. Die Personen scheinen mit dem Bildhintergrund zu interagieren, sie geben dem historischen Ort eine zweite Bedeutung. Die Fotos zeigen einmal zwei Denkmäler, dann das Regierungs- und Gerichtsgebäude aus der Preußenzeit und das Bassin in der Karlsaue als beliebter Ort zum Spazierengehen. Die Personen in ihrem Habitus, in der Figuration beleben Orte, für die es sich lohnt hinzureisen oder an die man sich gern erinnert.

Und auch die Zusammenstellung als Serie ist bestimmt kein Zufall.

Was zeichnet Fotokunst aus? Welche Kunst steckt im Arrangement?

Fotografen müssen den richtigen Zeitpunkt abpassen. Sie haben den! Moment antizipiert und warten nun ab. Es ist das Vorab-Sehen der erwarteten Situation beim Blick durch den Sucher.
Das beginnt mit der Wahl des Standortes und der Bestimmung eines inhaltlichen Mittelpunkts, der 
Perspektive, der Lichtwirkung. Erst in diesem Kontext entsteht ein gefälliges Arrangement der Anordnung von Menschen, Gebäuden, Flächen...

Die technische Seite ist speziell für die Fotografie um 1900 ein wesentlicher Faktor. Der Belichtungsmesser gibt Werte für die Einstellung von Blende und Verschlusszeit an. Das reicht aber beim klassischen Fotografieren nicht aus. Die Empfindlichkeit des eingelegten Films muss berücksichtigt werden. Ein Gespür für die Lichtintensität je nach Tageszeit und in den Jahreszeiten zeichnet die erfolgreichen Fotografen aus.

Scans der Postkartenmotive in höher Auflösungen bitte durch Klick auf das jeweilige Bild aufrufen. Eine kleine Untersuchung zu den einzelnen Postkarten und zur Serie
hier.
 
Ausführliche Untersuchungen und mehr zu 
tiefen Beschreibungen und dem Nachweis von Fotokunst unter www.kasselerkunden.de, Kapitel Historische Exkursion und Kapitel Kassel geht spazieren. Der Link zu dieser externen Quelle öffnet ein eigenes Fenster.
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